Brief an Gordon Berghoff von seiner Schwester Janina

Weinheim, 20.01.2011

Mein lieber, lieber süßer kleiner Bruder Gordon,
Nicht mal 20 Jahre - so lange hatten wir dich bei uns. Es scheint ein Verbrechen von dir in Vergangenheitsform zu reden. Und ich kann nicht anders als mich zu fragen, was du wohl alles nicht mehr erleben wirst, was du vielleicht alles verpasst.
Wie leben die Menschen um uns her einfach weiter, wenn es in unserem Leben jetzt so eine Leere gibt, ein großes Loch, wo du vorher warst?
Ich erinnere mich...

...wie unsere Eltern uns erzählten, dass wir ein Geschwisterchen kriegen würden. Ich konnte es nicht ganz fassen, hatte Angst, als Papa Mama dann ins Krankenhaus gefahren hat. Und dann warst du da.
...wie unglaublich, unglaublich süß du warst als kleines Kind, aber das wolltest du nie hoeren... mit deinen strahlend blauen Augen und deinen hellblonden Haaren und deinem fröhlichen Lächeln.
...was für ein kleiner Racker du warst. Da hast du einmal das Brot beim Besteck versteckt, so dass man die Schublade nicht mehr öffnen konnte. Oder du hast diese Fussfallen gebaut, einfach um zu sehen, was passiert. Wahrscheinlich hast du die Schuld für einige Sachen zugeschoben bekommen, die DU gar nicht angestellt hattest, aber in 99% der Fälle war der Schuldige eigentlich klar. Manchmal waren wir vielleicht verärgert einen Moment lang, aber danach haben wir meist deinen Einfallsreichtum bewundert.
...wie viel Angst wir hatten als du damals im Krankenhaus warst und dir die Infusion rausgerissen hast, weil du einfach zu klein und verängstigt warst um zu verstehen.
...wie glücklich du warst über den Werkzeugkasten, den du zu deinem dritten Weihnachten bekommen hast, nur um dann alle Teile bis auf zwei innerhalb eines Tages zu verschlampern.
...wie lange es immer gedauert hat, wenn Opa dich zum Spazierengehen mitgenommen hat, weil du jedes Rohr und jede kleine Schraube untersuchen mußtest, die dir aufgefallen sind. Du hattest damals deine eigene Sprache um Werkzeuge zu benennen.
...wie erfinderisch und intelligent du warst, wie viele kleine Dinge du gebaut hast, die das Leben einfacher oder schöner gemacht haben. Du hättest es so weit bringen können, hattest so viele Gaben und Talente. Wir waren so stolz auf dich und ich glaube du hättest die Wette mit deinem Ausbilder gewonnen und wärst kammerbester Elektrikazubi geworden. Deine Abschlussprüfung waere naechste Woche gewesen...

...wie Mama sich Gedanken gemacht hat, weil du so anders warst als andere Jungen in deinem Alter. Aber du bist immer deinen eigenen Weg gegangen und warst glücklich damit. Das hab ich an dir immer bewundert, deine Zufriedenheit mit dir selbst und deinen Frohsinn.
...wie du so lange Pfeifen geübt hast bis du lauter und höher pfeifen konntest als alle anderen. Jetzt wird mich niemand mehr früh morgens mit seinem schrillen Pfeifen aufwecken.
...wie toll du mit Tieren umgehen konntest und all deine Freizeit im Tierheim verbracht hast, um dich um die schwierigsten Hunde zu kümmern. Mit deinem speziellen Pfeifen konntest du Toska dazu bringen von ihrem Lieblingssessel aufzustehen und zu dir zu kommen. Und du mußtest immer mit ihr zum Tierarzt gehen, weil sie bei dir weniger Angst hatte.
...wie du immer das perfekte Geschenk für jeden gefunden hast. Ich habe immer noch die coolen Handschuhe, die du mir Weihnachten vor drei Jahren geschenkt hast. Vor ein paar Wochen haben wir noch auf Facebook gewitzelt, dass wir dich zum Assistenten des Weihnachtsmanns ernennen sollten, weil du diese Weihnachten die Geschenke der ganzen Familie organisiert hast.
...wie du dir manchmal einfach was zu essen geschnappt hast und den Berg hinter unserem Haus in den Wald hinaufgestiegen bist für ein Picknick am frühen Morgen ganz für dich allein.
...wie du immer gesagt hast: „Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Klamotten.“ Du hast es geliebt draußen zu sein und die Natur zu genießen.
...wie du das Bild von einem fliegenden Papageientaucher gemacht hast und wie lustig du das andere Foto mit dem Hintern der Möwe fandest.
...wie du dir Skype runtergeladen und dich bei Facebook angemeldet hast, um mit deiner Schwester im Ausland mehr Kontakt zu haben.
...wie du einen anderen Azubi vor schweren Verbrennungen gerettet hast, während alle anderen zu schockiert waren um zu reagieren.
...wie du die ganze Zeit über online warst, während ich fünf Stunden am Flughafen Kerry gewartet habe. Du hast immer wieder nach Neuigkeiten über den Flug gesucht und mich dann um zwei Uhr morgens überraschend mit Gerrit zusammen am Flughafen in Frankfurt Hahn abgeholt, so daß ich noch ein letztes Weihnachten mit dir verbringen konnte.
...wie wir früh am 26. Dezember zur Wachenburg hochgestiegen sind um einen wunderbaren Sonnenaufgang anzuschauen, nur wir zwei zusammen. Ich werde Schnee und Sonnenaufgänge nie wieder mit gleichen Augen sehen.
Ich erinnere mich an dein Lachen, wie deine blauen Augen geblitzt haben und an den Schwung in jedem deiner Schritte. Es tut so weh daran zu denken, aber ich hab solche Angst davor, dass diese Erinnerungen verblassen koennten... daß ich mich eines Tages vielleicht nicht mehr an den Klang deiner Stimme erinnern kann...
Ich bin so froh, dass wir in den letzten Monaten noch gute Freunde geworden sind. Vielleicht fragst du dich, warum ich das hier auf Englisch schreibe. Tja, leider habe ich mehr als zwei der letzten drei Jahre im Ausland verbracht; und vielleicht fällt es mir leichter, weil die Sache es schwerer macht.
Ich erinnere mich als ich 2006 aus Israel kam, da hast du am Flughafen auf mich gewartet und mich damit schockiert, daß du innerhalb von 7 Monaten über mich rausgewachen bist - und plötzlich zu einem wirklich gut aussehenden jungen Mann geworden bist. Ich erinnere mich auch daran, wie wir uns letzten Sommer den ganzen Weg von der Skellig Michael bis zum irischen Festland auf Englisch unterhalten haben, weil du üben wolltest, damit du dich besser fühlst wenn du mich noch mal besuchst oder vielleicht mal nach Kanada reist. Jetzt tut es mir umso mehr Leid, daß ich so viel verpasst habe als du gross geworden bist, weil ich schon so früh ausgezogen bin. Ich nahm einfach an, dass wir ja noch viel Zeit miteinander haben würden - aber jetzt wird es nie so kommen. Es gibt noch so viele andere Erinnerungen, die schwerer in Worte zu fassen sind oder nur darauf warten aufzutauchen hinter den mehr hervorstechenden.

Wir vermissen dich so sehr, kleiner Bruder (ja, ich weiss, du warst gar nicht so „klein“). Ich hoffe wirklich, daß für dich jetzt alles in Ordnung ist, dass du ein erfülltes und glückliches Leben hattest. Daß du, wie die Ärzte sagen, nicht gelitten hast. Daß du dir wünschst, daß wir trauern, aber uns dann daran erinnern, was für ein glücklicher, besonderer und wunderbarer Mensch du warst. Es klingt wahrscheinlich pompös, aber ich wünschte ich könnte dir persönlich sagen: du lebst in unseren Herzen weiter. Du wirst lachen, wenn ich mich über eine weitere Regenschauer aufrege und du wirst mitkommen, wenn ich spazieren gehe um die Sonne zu genießen. Du wirst mich immer mal wieder fragen, ob ich denn schon einen Weg gefunden habe Krebs zu heilen, und ich werde für mein Forschungsprojekt mein Bestes geben, auch wenn momentan alles keinen Sinn zu haben scheint. Wenn ich traurig bin, wirst du einen deiner blöden (oder nicht so blöden) Witze reissen. Und wenn ich wieder bereit bin glücklich zu sein, dann wirst du zusammen mit mir lachen. Du wirst bei mir sein solange ich dich überlebe, das glaube ich ganz feste. Ich bedaure es jetzt so viele Dinge NICHT getan zu haben. Aber am meisten tut mir leid, dass ich es wahrscheinlich nie laut gesagt habe, weil uns beiden offen gezeigte Gefühle unangenehm waren, aber es ist wahr und ich hoffe du weisst: ich liebe dich sehr, Gordon.

Ich wünschte ich könnte dich noch ein letztes Mal umarmen.

Deine Schwester Janina

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